Top 10 Prompting-Tipps für Juristinnen und Juristen

Wie Sie die besten Ergebnisse mit KI erzielen

Künstliche Intelligenz verändert den Anwaltsberuf grundlegend. Doch um effektiv mit KI zu arbeiten, bedarf es entsprechender Fähigkeiten. Das Prompting, also die Anweisungen, die du der KI gibst, bestimmt massgeblich die Qualität der Ergebnisse. Spezialisierte juristische KI-Systeme können in Kombination mit zielgerichtetem Prompt Engineering deine juristische Arbeit erheblich rationalisieren.

Basierend auf Hunderten von Stunden praktischer Erfahrung mit zahlreichen juristischen KI-Systemen zeigt dir dieser Artikel, welche Prompting-Techniken die besten Ergebnisse liefern, wie du häufige Fallstricke vermeidest und wie du deine juristische Arbeit nachhaltig effizienter gestaltest. 



Was ist Legal Prompting?

Legal Prompting bezeichnet die formulierte juristische Aufgabe, die du einer KI stellst. Je präziser du deinen Prompt formulierst, desto besser werden die Ergebnisse der KI sein.

Ein gut ausgearbeiteter Prompt funktioniert wie ein gut strukturierter Schriftsatz: Er lenkt das «Denken» der KI in die gewünschte Richtung, definiert den rechtlichen Kontext und stellt sicher, dass alle relevanten Aspekte berücksichtigt werden. Der entscheidende Unterschied zu menschlichen Gesprächspartnern besteht darin, dass KI-Systeme weitaus stärker auf die Qualität und Präzision deiner Anweisungen angewiesen sind.

Bei der Entwicklung effektiver Prompts, dem sogenannten Prompt Engineering, berücksichtigen wir Struktur, Sprache und Informationsgehalt, um optimale Ergebnisse zu erzielen. 



Wesentliche Bestandteile eines Prompts

Um einen juristischen Prompt zu entwickeln, der qualitativ hochwertige Ergebnisse liefert, sollte er einer klaren Architektur folgen. Die folgenden sechs Komponenten haben sich in der Praxis bewährt und dienen als Leitfaden für den systematischen Aufbau deines Prompts. 


1. Anweisungen – Das Herzstück deines Prompts

Die Anweisung definiert, welche Aufgabe die KI ausführen soll. Juristische Prompts unterscheiden sich grundlegend von alltäglichen KI-Anfragen, da der rechtliche Kontext so präzise wie möglich beschrieben werden sollte. Ein Beispiel: «Analysiere die Kündigungsschutzklage gegen eine betriebsbedingte Kündigung und bewerte die Erfolgsaussichten unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts.» 


2. Kontext – Definition des rechtlichen Rahmens

Hier fügst du alle relevanten Hintergrundinformationen hinzu, die berücksichtigt werden sollen, wie etwa Gesetzestexte, Vertragsdokumente, Sachverhalte oder spezifische Urteile. Mit diesen Informationen definierst du den rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen die KI arbeiten soll. 


3. Rolle – Definition der juristischen Expertise

Die Formulierung «Agieren Sie als erfahrener Fachanwalt für Steuerrecht mit 15 Jahren Berufserfahrung» stellt sicher, dass die KI ihre Antworten auf einem entsprechend hohen fachlichen Niveau formuliert. Du kannst die Rolle auch situationsbedingt anpassen: «Nimm die Perspektive eines kritischen Richters ein» führt zu anderen Analysen als «Argumentiere aus der Perspektive der Gegenpartei». 


4. Zielgruppe – Für wen schreibst du?

Die Beschreibung deiner Zielgruppe beeinflusst den Sprachstil und die fachliche Tiefe der KI-Antwort. Besonders effektiv ist: «Geh davon aus, dass ich ein Mandant ohne juristischen Hintergrund bin, der aber klug genug ist, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen, wenn sie gut erklärt werden.» 


5. Format – Struktur und Umfang festlegen

Konkrete Formatvorgaben wie «Strukturiere deine Antwort in drei Abschnitte mit jeweils maximal 200 Wörtern» oder «Erstelle eine Tabelle mit Spalten für Rechtsfrage, Rechtsgrundlage und Lösungsansatz» helfen der KI, strukturierte und übersichtliche Antworten zu liefern. 


6. Tonalität und Stil – Die sprachliche Ebene

Die Wahl des Tons beeinflusst nicht nur die Lesbarkeit, sondern auch die Überzeugungskraft. «Formuliere sachlich und neutral für eine Stellungnahme» führt zu anderen Ergebnissen als «Argumentiere überzeugend und durchsetzungsstark für eine Verhandlung». 

 



Die 10 wichtigsten Prompting-Strategien für Juristinnen und Juristen

Über die oben genannten Bausteine hinaus, die die Struktur deines Prompts bestimmen, gibt es grundlegende Tipps zur optimalen Formulierung juristischer Prompts. Hier sind die zehn wichtigsten Prompting-Tipps für Juristen. 


1. Präzision schlägt Höflichkeit

Formuliere kurz und präzise. Vage und übermässig höfliche Anreden kannst du weglassen. Sätze wie «Könntest du vielleicht...» verwässern deine Anweisung und können zu unklaren Ergebnissen führen. Sei stattdessen direkt: «Analysiere die Haftungsklausel in § 12 des beigefügten Vertrags auf ihre Wirksamkeit nach dem deutschen AGB-Recht. Berücksichtige dabei die aktuelle BGH-Rechtsprechung zu Haftungsausschlüssen im B2B-Bereich.» 


2. Nutze die Kraft positiver Formulierungen

KI-Systeme verarbeiten, genau wie Menschen, positive Anweisungen effizienter als negative. Statt «Ignoriere nicht die aktuellen Gesetzesänderungen» formuliere lieber: «Berücksichtige die aktuellen Gesetzesänderungen seit Januar 2024.» Die positive Formulierung führt die KI direkter zu den gewünschten Informationen. 


3. Zu schrittweisem Denken anregen

Die Anweisung «Gehe Schritt für Schritt vor und nimm dir Zeit für jeden Analyseschritt» aktiviert in KI-Systemen einen strukturierteren Denkprozess. Sie «zwingt» das Modell, Zwischenschritte zu durchdenken, anstatt direkt zu Schlussfolgerungen zu springen. Im juristischen Kontext bedeutet dies eine systematische Prüfung von Sachverhalt, Rechtslage und Bewertung. 


4. Quellenangaben als Qualitätssicherung einfordern

Die explizite Anweisung «Zitiere für jede rechtliche Aussage die konkrete Rechtsgrundlage, das relevante Urteil oder den entsprechenden Literaturhinweis» verbessert nicht nur die Überprüfbarkeit, sondern auch die Qualität der KI-Antworten. Du kannst auch Formatierungsanforderungen festlegen, wie z. B.: «Strukturiere deine Antwort so, dass auf jede rechtliche Aussage direkt eine Quellenangabe folgt.» 


5. Unsicherheit produktiv nutzen

Die Anweisung «Wenn du dir bei einer rechtlichen Aussage nicht absolut sicher bist, sage das explizit und erkläre, welche zusätzlichen Informationen für eine verlässliche Einschätzung erforderlich wären» verwandelt die KI-Schwäche von Halluzinationen in eine Stärke. Du erhältst eine ehrliche Rückmeldung über Wissensgrenzen und Hinweise auf notwendige Zusatzrecherchen. 


6. Strukturierung durch gezielte Formatierung

Nutze Satzzeichen, Zeilenumbrüche und Strukturelemente als aktive Steuerungsinstrumente. Ein gut strukturierter Prompt wie der folgende führt zu besser aufgebauten und direkt nutzbaren Antworten:

AUFGABE: Bewertung der Erfolgsaussichten einer Kündigungsschutzklage 

SACHVERHALT: [Detaillierte Beschreibung] 

RECHTLICHE PRÜFUNGSPUNKTE: 
1. Zulässigkeit:  
[Liste der Voraussetzungen] 
2. Begründetheit:  
[Liste der Voraussetzungen] 

FORMAT: Für jeden Prüfungspunkt eine detaillierte rechtliche Analyse in mindestens drei Sätzen. 

  


7. Few-Shot Prompting: Mit Beispielen führen

Wenn du ein bis drei konkrete Beispiele für das gewünschte Format bereitstellst, verbessert sich die Qualität deutlich. Für die Analyse von Vertragsklauseln könnte das so aussehen: 


Analysiere die Vertragsklausel nach folgendem Muster:

KLAUSEL: [Wortlaut]

VORAUSSETZUNG: [Voraussetzung]

BEWERTUNG: [Unwirksam/Fraglich/Zulässig]

BEGRÜNDUNG: [2-3 Sätze]


8. Juristische Fachsprache als Präzisionsinstrument

Verwende bewusst exakte Rechtsbegriffe: «Prüfe die Rechtmässigkeit der Verarbeitung personenbezogener Daten nach Art. 6 Abs. 1 DSGVO, insbesondere im Hinblick auf berechtigte Interessen nach Buchstabe f» ist präziser als «Prüfe, ob die Datennutzung legal ist». Fachsprache hilft spezialisierten juristischen KI-Systemen, die relevanten Rechtsgebiete zu identifizieren und mit präzisen Formulierungen zu antworten. 


9. Perspektivenwechsel als Analysewerkzeug

«Analysiere den Fall zunächst aus der Perspektive des Klägers, dann aus der Sicht des Beklagten und bewerte anschliessend aus der Perspektive eines neutralen Richters die Erfolgsaussichten beider Seiten» führt zu ausgewogeneren und fundierteren Analysen. Diese Mehrperspektiven-Analyse hilft, Schwachstellen in der eigenen Argumentation zu identifizieren. 


10. Iterative Verfeinerung als Erfolgsstrategie

Beginne mit einfacheren Prompts und verfeinere sie basierend auf den Ergebnissen. Starte mit einer grundlegenden Anfrage, analysiere die Antwort und formuliere dann eine verfeinerte Folgefrage: «Deine Analyse zu Punkt 2 war hilfreich. Vertiefe nun die Argumentation zu den Sozialauswahlkriterien und berücksichtige Urteile des Bundesarbeitsgerichts zu den Anforderungen in § 1 Abs. 3 KSchG.» 


 

Mehrstufiges Prompting für komplexe Aufgaben

Bei komplexen juristischen Aufgaben, die in strukturierte, aufeinanderfolgende Schritte unterteilt werden sollten, erzielst du mit mehrstufigen Prompts bessere und transparentere Ergebnisse. Es gibt verschiedene Methoden, die du je nach Bedarf wählen kannst. 


Multi-Step Prompting: Die Kette einzelner Aufgaben

Zerlege eine komplexe Analyse in logisch aufeinanderfolgende Einzelschritte und weise die KI Schritt für Schritt an. Hier ist ein praktisches Beispiel für eine Vertragsanalyse:

Schritt 1: «Lies die folgende Liste von Prüfungspunkten durch und extrahiere für jeden Punkt alle relevanten Klauseln aus dem beigefügten Vertragsdokument.»

Schritt 2: «Gehe die Prüfungspunkte nacheinander durch und prüfe, ob die extrahierte Klausel den rechtlichen Anforderungen des Prüfungspunkts entspricht.»

Schritt 3: «Erstelle eine Tabelle mit den Prüfungsergebnissen. Die Tabelle soll folgende Spalten enthalten: Prüfungspunkt | Klausel | Bewertung» 


Der Vorteil: Das Ergebnis jedes Schrittes kann von dir einzeln überprüft und korrigiert werden, bevor der nächste Schritt darauf aufbaut. 


Chain-of-Thought: Der begründete Denkprozess

Wenn du vollständige Transparenz über das Ergebnis der KI benötigst, kannst du sie anweisen, ihren gesamten Weg zur Lösungsfindung offenzulegen. Ein Beispiel für einen solchen Prompt wäre: 

Prüfe den Inhalt der beigefügten Allgemeinen Geschäftsbedingungen systematisch nach folgendem Schema:

  1. Klauselverbote ohne Wertungsmöglichkeit (§ 309 BGB) 

  2. Klauselverbote mit Wertungsmöglichkeit (§ 308 BGB) 

  3. Transparenzgebot (§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB) 

  4. Generalklausel (§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB)

Füge für jeden Prüfungspunkt eine detaillierte Begründung unter Bezugnahme auf die genannten Normen hinzu.


Reverse Prompting: Vom Ziel zum Weg

Du weisst genau, wie das Endergebnis aussehen soll, aber dir fehlt der passende Prompt? Mit Reverse Prompting drehst du die klassische Logik des Promptings um: Anstatt der KI eine Anweisung zu geben und ein Ergebnis zu erhalten (Prompt → Output), funktioniert es umgekehrt (Output → Prompt). Du gibst ein gewünschtes Ergebnis vor, zum Beispiel einen Text oder eine Klausel, und lässt die KI den Prompt generieren, der am wahrscheinlichsten genau zu diesem Ergebnis führen würde. Dies ist besonders nützlich, wenn du deine eigenen Prompts optimieren und für ähnliche Aufgaben wiederverwenden möchtest. 


Ein Beispiel könnte so aussehen:

Dies ist eine rechtliche Klausel für eine Einwilligung nach DSGVO: [Beispieltext]. Formuliere den Prompt, den ich eingeben müsste, damit du genau dieses Ergebnis erzeugst.



Dein Weg zur Prompting-Expertise

Die Rechtsbranche digitalisiert sich rasant, und der Einsatz von KI wird zu einem festen Bestandteil der juristischen Arbeit in Unternehmen, Kanzleien und Behörden. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich Legal Prompting zu einer unverzichtbaren Kernkompetenz für moderne Juristinnen und Juristen – eine Fähigkeit, die nicht nur Effizienzgewinne ermöglicht, sondern auch die Qualität der Arbeit nachhaltig verbessert.

Der entscheidende Erfolgsfaktor liegt in der Verbindung von juristischem Fachwissen und KI-Power: Wer lernt, sein Fachwissen durch geschicktes Prompting optimal in die Zusammenarbeit mit einer spezialisierten juristischen KI einzubringen, kann das Potenzial dieser Technologie und der eigenen Arbeit voll ausschöpfen. 


Nils Feuerhelm

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