Drei Trends, die die europäische Rechts-KI im Jahr 2026 prägen werden
Warum qualitativ hochwertige Daten, kollaboratives Design und europäische Souveränität die Legal AI im Jahr 2026 definieren werden

Als wir Beck-Noxtua im vergangenen November in Deutschland auf den Markt brachten, gingen wir eine kalkulierte Wette ein: dass das Rennen um die juristische KI nicht von demjenigen gewonnen wird, der über die meiste Rechenleistung oder die grössten Sprachmodelle verfügt, sondern von demjenigen, der seine Technologie mit den besten Daten auf eine wirklich sichere und kontrollierte Weise kombinieren kann, die den hohen Vertraulichkeitsstandards der Rechtsbranche – und ihrem wachsenden Beharren auf europäischer digitaler Souveränität – gerecht wird.
Diese Wette wird im europäischen Legal-Tech-Sektor immer häufiger geteilt. Während die KI-Labors des Silicon Valley ihr teures Streben nach immer grösseren Sprachmodellen fortsetzen, zeichnet sich auf dem europäischen Kontinent ein anderer Wettbewerb ab: einer, bei dem Partnerschaften mit jahrhundertealten Fachverlagen wichtiger sind als die reine Modellgrösse, bei dem das Verständnis für die Arbeitsabläufe einer Rechtsabteilung die reine Rechenleistung übertrumpft und bei dem eine europäisch kontrollierte Cloud-Infrastruktur eher zu einer Voraussetzung als zu einer netten Zugabe wird.
Drei Trends werden laut Umfragen unter Legal-Tech-Führungskräften, Praktikern und Forschern in ganz Europa die Art und Weise prägen, wie der Kontinent im Jahr 2026 an künstliche Intelligenz im Recht herangeht. Keiner davon beinhaltet dramatische Durchbrüche. Alle deuten darauf hin, dass sich die Wettbewerbslandschaft in einer Weise verschiebt, die Fachwissen vor Grösse stellt.
Der Datenvorteil
Im vergangenen Jahr hat sich die Leistungskluft zwischen den führenden KI-Modellen stark verringert. Im vergangenen August lagen Claude Opus 4.1 von Anthropic und GPT-5 von OpenAI bei Codierungs-Benchmarks innerhalb eines halben Prozentpunkts beieinander.[1] Der AI Index 2025 von Stanford dokumentierte diesen Trend: Der Unterschied zwischen dem erstplatzierten und dem zehntplatzierten Modell schrumpfte von fast 12 Prozent im Jahr 2023 auf knapp über 5 Prozent bis Anfang 2025.[2] Chinesische Modelle erreichten innerhalb eines Jahres nahezu Gleichstand mit ihren amerikanischen Pendants.
Wie Andreas Nauerz, Vorstandsmitglied & CPO des Cloud-Anbieters IONOS, und Noxtua-CEO Leif-Nissen Lundbæk im Dezember in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erörterten, stellt sich bei der Konvergenz der Modelle selbst die Frage: Womit sind diese Modelle verbunden?[3]
Daten sind Trumpf. Die eigentliche Frage ist nicht die Modellgrösse oder die Leistung bei verallgemeinerten Benchmarks, sondern ob die KI Zugang zu kuratierten, qualitativ hochwertigen und autoritativen Daten hat. Da Experten-Daten zu den Stärken Europas gehören, ist der Kontinent gut aufgestellt, um im Jahr 2026 den Trend zu setzen.
Eine Möglichkeit, KI mit kuratierten Inhalten zu kombinieren, sind strategische Partnerschaften. Für den juristischen Bereich bedeutet dies Allianzen mit juristischen Verlagen, die nicht nur über einen immensen Wissensschatz an juristischen Daten, sondern auch über tiefes juristisches Fachwissen und in vielen Fällen über eine jahrzehntelange oder sogar jahrhundertealte Tradition und Erfahrung auf dem Rechtsmarkt verfügen.
Unsere Partnerschaften mit führenden europäischen Verlagen wie C.H. Beck, MANZ, Helbing Lichtenhahn, Erich Schmidt und Walhalla aus Ländern wie Deutschland, Österreich, Polen, der Tschechischen Republik und der Schweiz spiegeln diese Strategie wider: Anstatt nur auf Modellverbesserungen zu setzen, integrieren wir kuratierte, länderspezifische Rechtsinhalte direkt in die Wissensbasis und die Antworten der KI. Zuverlässige Quellen werden in den Arbeitsablauf des Systems selbst eingewoben und sind nicht etwas, das Anwälte im Nachhinein separat überprüfen müssen. Wenn beispielsweise Mustervertragsklauseln oder Präzedenzfälle benötigt werden, greift das System automatisch auf führende Kommentare und Gerichtsentscheidungen zu – und zitiert diese –, wodurch der Wechsel zwischen KI-Unterstützung und traditionellen Datenbanken überflüssig wird.
Der Co-Creation-Vorteil
Im November berichtete GitHub, dass Entwickler im Jahr 2025 monatlich 43 Millionen Codebeiträge integrierten, was einem Anstieg von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.[4] KI-gestützte Codierungswerkzeuge, so das Unternehmen, haben die Entwicklungsgeschwindigkeit grundlegend verändert. Auf dieser Beobachtung aufbauend prognostizieren Unternehmen wie AT&T, dass Produkte bald «im Grunde in einem Rutsch gebaut werden könnten, mit nur sehr wenigen menschlichen Anpassungen».[5]
Da die Codierungsgeschwindigkeit somit allenthalben zugänglich wird, verlagert sich der Wettbewerbsvorteil vom schnellen Bauen auf das Verständnis dafür, was und wie gebaut werden soll. Dieses Verständnis resultiert aus der dauerhaften Nähe zu den Praktikern und dem Erfassen ihrer spezifischen Bedürfnisse und ihres «Warums».
In spezialisierten Softwaremärkten wie Legal Tech ist Fachwissen heute wichtiger als Entwicklungsgeschwindigkeit. Zu verstehen, was die Denkmuster eines Juristen stört, wie Benutzeroberflächen etablierte Arbeitsabläufe unterstützen statt unterbrechen können und welche Funktionen Praktiker tatsächlich nutzen werden; diese Erkenntnisse erfordern ein vollständiges Eintauchen in den Berufsstand.
«Integration mit vertrauenswürdiger Software» stand für 43 Prozent der für den Legal Industry Report 2025 befragten Juristen an erster Stelle, noch vor Funktionen wie Automatisierung oder Kosteneinsparungen. Das Verständnis des Anbieters für die Arbeitsabläufe in der Kanzlei folgte mit 33 Prozent auf dem zweiten Platz.[6]

Für europäische Legal-Tech-Anbieter, die eng mit der Rechtsgemeinschaft zusammenarbeiten, ermöglicht das KI-unterstützte Codieren somit eine schnelle Iteration und echtes kollaboratives Design. Der Vorteil liegt bei denjenigen, die erkennen, dass die Erkenntnisse eines Praktikers mehr wert sind als zusätzliche Entwicklungszeit, und die die Flexibilität besitzen, danach prioritär zu handeln.
Das Souveränitätskalkül
In den ersten Jahren der generativen KI-Revolution standen europäische Organisationen vor einer harten Wahl: entweder amerikanische Cloud-Plattformen zu nutzen oder ganz auf KI-Funktionen zu verzichten. Dieses Kalkül verschiebt sich 2026 endgültig: 2025 war das Jahr, in dem europäische Unternehmen und Regierungen begannen zu erkennen, dass die ausschliessliche Abhängigkeit von US-Hyperscalern bei Cloud-Lösungen erhebliche Risiken birgt. Im Jahr 2026 werden mehr Organisationen aus dieser Erkenntnis Konsequenzen ziehen, auf europäische Cloud-Anbieter migrieren und europäische Infrastrukturinitiativen auf politischer Ebene fördern.[7]
So hat die Schweizer Regierung beispielsweise 319 Millionen Schweizer Franken für die Bundes-Cloud bereitgestellt, welche die Infrastruktur für Bundes-, Kantons- und Gemeindeverwaltungen bereitstellt.[8] Deutschland baute seine erste KI-Gigafactory durch die Deutsche Telekom und T-Systems auf und stellt ab 2025 10'000 NVIDIA Blackwell-GPUs über die Open Telekom Cloud bereit. Dies zeigt, dass europäische souveräne Infrastrukturen bei KI-Arbeitslasten im grossen Stil konkurrieren können.[9] Frankreich hat die Partnerschaften mit Mistral AI ausgebaut.[10] Der mit 200 Milliarden Euro dotierte Aktionsplan «KI-Kontinent» der EU hat 13 «KI-Fabriken» in 17 Mitgliedstaaten an den Start gebracht.[11]
Infrastrukturfragen spielen insbesondere bei juristischen Anwendungen eine Rolle, bei denen Berufsgeheimnis und richterliche Geheimhaltungspflicht regulatorische Anforderungen schaffen, die von ausländisch kontrollierten Plattformen nur schwer erfüllt werden können. Der General Counsel von Microsoft Frankreich sagte 2025 im französischen Senat unter Eid aus, dass das Unternehmen nicht garantieren könne, dass Kundendaten aus Europa nicht in die USA abfliessen;[12] eine Aussage, die durch ein im Jahr 2025 von der deutschen Bundesregierung in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten bestätigt wurde.[13] Diese Erkenntnisse beschleunigten die Diskussionen über souveräne Infrastrukturen auf dem gesamten Kontinent.
«Bestimmte Gruppen wie die Justiz oder die Regierungsverwaltung können nur Systeme nutzen, bei denen die Daten nachweislich unter europäischer Kontrolle bleiben», bestätigt Lundbæk und beschreibt die Entscheidung von Noxtua, eng mit europäischen Cloud-Anbietern wie IONOS zusammenzuarbeiten, um Deutschlands erste souveräne Legal-AI-Factory zu initiieren – ein hochspezialisiertes, europäisch kontrolliertes und auf Compliance ausgerichtetes Rechenzentrum, das für regulierte Sektoren mit den Fähigkeiten von Hyperscalern mithalten kann und es Noxtua ermöglicht, die Souveränität seines KI-Systems zu garantieren.[3][14] Denn die europäische digitale Souveränität ist «kein politisches Gehabe. Sie ist eine technische Voraussetzung. In Zeiten geopolitischer Volatilität ist die Konzeption und Kontrolle der eigenen KI-Infrastruktur ein Wettbewerbsvorteil.»

Ob sich die europäische souveräne Infrastruktur bei Preis und Leistung mit den US-amerikanischen Hyperscalern messen kann, bleibt eine offene Frage. Aber für Behörden und Juristen, die mit sensiblen Daten umgehen, bietet das Jahr 2026 etwas, was die Regulierung allein nicht leisten konnte: technisch erprobte Alternativen.
Und über das Jahr 2026 hinaus verfolgen europäische Forscher Alternativen, die das Wettrüsten bei der Infrastruktur gänzlich umgehen. Arbeiten an Institutionen wie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) zum dezentralen Computing – wie das bahnbrechende Projekt «Anyway Systems» von Professor Rachid Guerraoui – deuten darauf hin, dass KI-Modelle irgendwann über Netzwerke gewöhnlicher Computer laufen könnten, was Souveränität ohne massive Kapitalinvestitionen wirtschaftlich machbar macht.[15] Wir bei Noxtua verfolgen diese Ansätze aufmerksam. Sie werden zwar 2026 noch nicht die Produktionsreife erreichen, signalisieren aber eine Zukunft, in der Souveränität auch über Regierungen und Grosskonzerne hinaus wirtschaftlich zugänglich wird, und wir sehen es als Aufgabe von Legal-Tech-Anbietern an, dafür zu sorgen, dass europäische Juristinnen und Juristen als Erste von diesen Fortschritten profitieren.
Der Wert von Spezialisierung und Souveränität im Jahr 2026
Bei Noxtua verfolgen wir, wo diese drei Trends zusammenlaufen. Wir beobachten auch, was als Nächstes kommt: dezentrales Computing, das die Infrastrukturkosten demokratisieren könnte, regulatorische Rahmenbedingungen, die sich in ganz Europa noch in der Entstehung befinden, und Verlagspartnerschaften, die in neuen Jurisdiktionen entstehen. Unsere Rolle sehen wir darin, sicherzustellen, dass europäische Juristen die Auswirkungen verstehen und als Erste von den Fortschritten profitieren, um sich den Mehrwert von Spezialisierung und Souveränität im Jahr 2026 zu sichern.

Fussnoten
Unite.AI, «The 75% Ceiling: Have AI Models Reached Peak Performance With Current Methods?», August 2025, https://www.unite.ai/the-75-ceiling-have-ai-models-reached-peak-performance-with-current-methods/
Stanford HAI, «The 2025 AI Index Report - Technical Performance», 2025, https://hai.stanford.edu/ai-index/2025-ai-index-report/technical-performance
Clara Herdeanu, «European digital sovereignty with strong infrastructure», Noxtua Blog, Dezember 2025, https://www.noxtua.com/company/blog/ionos-and-noxtua-sz-gipfel-european-sovereignty (basierend auf der Podiumsdiskussion auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel 2025 mit Leif Lundbæk und Andreas Nauerz)
GitHub, «Octoverse 2025: A new developer joins GitHub every second as AI leads TypeScript to #1», November 2025, https://github.blog/news-insights/octoverse/octoverse-2025/
Andy Markus, «Six AI Predictions for 2026», AT&T, Dezember 2025, https://about.att.com/blogs/2025/2026-ai-predictions.html
Nicole Black, «The Legal Industry Report 2025», American Bar Association, 2025, https://www.americanbar.org/groups/law_practice/resources/law-technology-today/2025/the-legal-industry-report-2025/
Bitkom, «Cloud Report 2025», 2025, https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Wirtschaft-ruft-nach-deutscher-Cloud
Schweizerischer Bundesrat, «Swiss Government Cloud (SGC)», Bundesamt für Informatik und Telekommunikation, Mai 2024, https://www.bit.admin.ch/en/sgc-en
T-Systems, «AI Gigafactory: Feeding a GPU-Hungry Europe», 2025, https://www.t-systems.com/gb/en/insights/newsroom/expert-blogs/ai-gigafactory-feeding-a-gpu-hungry-europe-1072302
Französisches Wirtschaftsministerium, «France and Germany Join Forces with Mistral AI and SAP SE to Launch a Sovereign AI for Public Administration», November 2025, https://presse.economie.gouv.fr/france-and-germany-join-forces-with-mistral-ai-and-sap-se-to-launch-a-sovereign-ai-for-public-administration/
Europäische Kommission, «AI Continent Action Plan», April 2025, https://digital-strategy.ec.europa.eu/
Anton Carniaux (Microsoft Frankreich), Zeugenaussage vor der Untersuchungskommission des französischen Senats, 10. Juni 2025; siehe auch IT-Daily, «Microsoft: EU data not protected from US access», Juli 2025, https://www.it-daily.net/en/shortnews-en/microsoft-eu-data-not-protected-from-us-access
Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln, «Rechtsgutachten zur US-Rechtslage betreffend Datenzugriff auf Cloud-Dienste durch US-Behörden», im Auftrag des Bundesinnenministeriums, März 2025, veröffentlicht im Dezember 2025 über eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz; siehe Heise Online, «Gutachten: US-Behörden haben weitreichenden Zugriff auf europäische Cloud-Daten», Dezember 2025, https://www.heise.de/news/Gutachten-US-Behoerden-haben-weitreichenden-Zugriff-auf-europaeische-Cloud-Daten-11111043.html
Helena Hauser, «Sichere KI-Anwendungen: Eigene Infrastruktur aufbauen oder auf grosse Anbieter setzen?», JUVE, Dezember 2025, https://www.juve.de/markt-und-management/sichere-ki-anwendungen-eigene-infrastruktur-aufbauen-oder-auf-grosse-anbieter-setzen/
EPFL, «Do we really need big data centers for AI?», Dezember 2025, https://actu.epfl.ch/news/do-we-really-need-big-data-centers-for-ai/

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