
Künstliche Intelligenz verändert den juristischen Berufsstand grundlegend. Doch um effektiv mit KI zu arbeiten, bedarf es entsprechender Fähigkeiten. Das Prompting, also die Anweisungen, die Sie der KI geben, bestimmt maßgeblich die Qualität der Ergebnisse. Spezialisierte juristische KI-Systeme können in Kombination mit gezieltem Prompt Engineering Ihre juristische Arbeit erheblich rationalisieren.
Basierend auf Hunderten Stunden praktischer Erfahrung mit zahlreichen juristischen KI-Systemen zeigt Ihnen dieser Artikel, welche Prompting-Techniken die besten Ergebnisse liefern, wie Sie häufige Fallstricke vermeiden und wie Sie Ihre juristische Arbeit nachhaltig effizienter gestalten.
Was ist Legal Prompting?
Legal Prompting ist die formulierte juristische Aufgabe, die Sie der KI präsentieren. Je präziser Sie Ihren Prompt verfassen, desto besser werden die Ergebnisse der KI sein.
Ein gut ausgearbeiteter Prompt funktioniert wie ein gut strukturierter Schriftsatz: Er lenkt das "Denken" der KI in die gewünschte Richtung, definiert den rechtlichen Kontext und stellt sicher, dass alle relevanten Aspekte berücksichtigt werden. Der entscheidende Unterschied zu menschlichen Gesprächspartnern besteht darin, dass KI-Systeme viel stärker auf die Qualität und Präzision Ihrer Anweisungen angewiesen sind.
Bei der Entwicklung effektiver Prompts, dem sogenannten Prompt Engineering, berücksichtigen wir Struktur, Sprache und Informationsgehalt, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
Wesentliche Bestandteile eines Prompts
Um einen juristischen Prompt zu entwickeln, der qualitativ hochwertige Ergebnisse liefert, sollte dieser einer klaren Architektur folgen. Die folgenden sechs Komponenten haben sich in der Praxis bewährt und dienen als Leitfaden für den systematischen Aufbau Ihres Prompts.
1. Anweisungen – Der Kern Ihres Prompts
Die Anweisung definiert, welche Aufgabe die KI ausführen soll. Juristische Prompts unterscheiden sich grundlegend von alltäglichen KI-Anfragen, da der rechtliche Kontext so präzise wie möglich beschrieben werden sollte. Zum Beispiel: "Analysieren Sie die Kündigungsschutzklage gegen eine betriebsbedingte Kündigung und bewerten Sie die Erfolgsaussichten unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts."
2. Kontext – Definition des rechtlichen Rahmens
Hier fügen Sie alle relevanten Hintergrundinformationen hinzu, die berücksichtigt werden sollen, wie Gesetzestexte, Vertragsdokumente, Sachverhalte oder spezifische Urteile. Mit diesen Informationen definieren Sie den rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen die KI arbeiten soll.
3. Rolle – Definition der juristischen Expertise
Die Formulierung "Agieren Sie als erfahrener Fachanwalt für Steuerrecht mit 15 Jahren Berufserfahrung" sorgt dafür, dass die KI ihre Antworten auf einem entsprechend hohen fachlichen Niveau formuliert. Sie können die Rolle auch situativ anpassen: "Nehmen Sie die Perspektive eines kritischen Richters ein" führt zu anderen Analysen als "Argumentieren Sie aus der Perspektive des gegnerischen Anwalts."
4. Zielgruppe – Für wen schreiben Sie?
Die Beschreibung Ihrer Zielgruppe beeinflusst den Sprachstil und die fachliche Tiefe der KI-Antwort. Besonders effektiv ist: "Gehen Sie davon aus, dass ich ein Mandant ohne juristischen Hintergrund bin, der jedoch klug genug ist, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen, wenn sie gut erklärt werden."
5. Format – Struktur und Umfang festlegen
Konkrete Formatvorgaben wie "Strukturieren Sie Ihre Antwort in drei Abschnitte mit jeweils maximal 200 Wörtern" oder "Erstellen Sie eine Tabelle mit Spalten für Rechtsfrage, Rechtsgrundlage und Lösungsansatz" helfen der KI, strukturierte und übersichtliche Antworten zu liefern.
6. Ton und Stil – Die sprachliche Ebene
Die Wahl des Tons beeinflusst nicht nur die Lesbarkeit, sondern auch die Überzeugungskraft. "Formulieren Sie sachlich und neutral für eine Stellungnahme" führt zu anderen Ergebnissen als "Argumentieren Sie überzeugend und durchsetzungsstark für eine Verhandlung."
Die 10 wichtigsten Prompting-Strategien für Juristinnen und Juristen
Neben den oben genannten Bausteinen, die die Struktur Ihres Prompts bestimmen, gibt es grundlegende Tipps zur optimalen Formulierung juristischer Prompts. Hier sind die zehn wichtigsten Prompting-Tipps für Juristen.
1. Präzision schlägt Höflichkeit
Formulieren Sie prägnant und präzise. Vage und übermäßig höfliche Anreden können Sie weglassen. Phrasen wie "Könnten Sie vielleicht..." verwässern Ihre Anweisung und können zu unklaren Ergebnissen führen. Seien Sie stattdessen direkt: "Analysieren Sie die Haftungsklausel in § 12 des beigefügten Vertrags auf ihre Wirksamkeit nach deutschem AGB-Recht. Berücksichtigen Sie die aktuelle BGH-Rechtsprechung zu Haftungsausschlüssen im B2B-Bereich."
2. Nutzen Sie die Kraft positiver Formulierungen
KI-Systeme verarbeiten, genau wie Menschen, positive Anweisungen effizienter als negative. Statt "Ignorieren Sie nicht die aktuellen Gesetzesänderungen" formulieren Sie: "Berücksichtigen Sie die aktuellen Gesetzesänderungen seit Jänner 2024." Die positive Formulierung leitet die KI direkter zu den gewünschten Informationen.
3. Schritt-für-Schritt-Denken anregen
Die Anweisung "Gehen Sie Schritt für Schritt vor und nehmen Sie sich Zeit für jeden Analyseschritt" aktiviert einen strukturierteren Denkprozess in KI-Systemen. Sie "zwingt" das Modell, Zwischenschritte zu durchdenken, anstatt direkt zu Schlussfolgerungen zu springen. Im juristischen Kontext bedeutet dies eine systematische Prüfung von Sachverhalt, Rechtslage und Bewertung.
4. Quellenangaben zur Qualitätssicherung einfordern
Die explizite Anweisung "Zitieren Sie für jede rechtliche Aussage die spezifische Rechtsgrundlage, das relevante Urteil oder den entsprechenden Literaturhinweis" verbessert nicht nur die Überprüfbarkeit, sondern auch die Qualität der KI-Antworten. Sie können auch Formatierungsanforderungen festlegen, wie z. B. "Strukturieren Sie Ihre Antwort so, dass auf jede rechtliche Aussage eine Quellenangabe folgt."
5. Unsicherheit produktiv nutzen
Die Anweisung "Wenn Sie sich bezüglich einer rechtlichen Aussage nicht völlig sicher sind, sagen Sie dies explizit und erklären Sie, welche zusätzlichen Informationen für eine verlässliche Einschätzung erforderlich wären" verwandelt die KI-Schwäche der Halluzinationen in eine Stärke. Sie erhalten eine ehrliche Kommunikation über Wissensgrenzen und Hinweise auf notwendige zusätzliche Recherchen.
6. Strukturierung durch gezielte Formatierung
Nutzen Sie Satzzeichen, Zeilenumbrüche und Strukturelemente als aktive Steuerungsinstrumente. Ein gut strukturierter Prompt wie der folgende führt zu besser strukturierten und brauchbaren Antworten:
AUFGABE: Bewertung der Erfolgsaussichten einer Kündigungsschutzklage
SACHVERHALT: [Detaillierte Beschreibung]
RECHTLICHE PRÜFUNGSPUNKTE:
1. Zulässigkeit:
[Liste der Voraussetzungen]
2. Begründetheit:
[Liste der Voraussetzungen]
FORMAT: Für jeden Prüfungspunkt eine detaillierte rechtliche Analyse in mindestens drei Sätzen.
7. Few-Shot Prompting: Mit Beispielen führen
Wenn Sie ein bis drei konkrete Beispiele für das gewünschte Format bereitstellen, verbessert sich die Qualität erheblich. Für Analysen von Vertragsklauseln könnte das so aussehen:
Analysieren Sie die Vertragsklausel nach folgendem Muster:
KLAUSEL: [Wortlaut]
ANFORDERUNG: [Anforderung]
BEWERTUNG: [Unwirksam/Fraglich/Akzeptabel]
BEGRÜNDUNG: [2-3 Sätze]
8. Juristische Fachsprache als Präzisionsinstrument
Verwenden Sie bewusst exakte juristische Fachbegriffe: "Prüfen Sie die Rechtmäßigkeit der Verarbeitung personenbezogener Daten nach Art. 6 Abs. 1 DSGVO, insbesondere im Hinblick auf berechtigte Interessen nach lit. f" ist präziser als "Prüfen Sie, ob die Datennutzung legal ist." Die Fachsprache hilft spezialisierten juristischen KI-Systemen, die relevanten Rechtsgebiete zu identifizieren und mit präzisen Formulierungen zu antworten.
9. Perspektivenwechsel als Analysewerkzeug
"Analysieren Sie den Fall zunächst aus der Perspektive des Klägers, dann aus der Perspektive des Beklagten und bewerten Sie anschließend aus Sicht eines neutralen Richters die Erfolgsaussichten beider Seiten" führt zu ausgewogeneren und fundierteren Analysen. Diese multiperspektivische Analyse hilft, Schwachstellen in der eigenen Argumentation zu identifizieren.
10. Iterative Verfeinerung als Erfolgsstrategie
Beginnen Sie mit einfacheren Prompts und verfeinern Sie diese basierend auf den Ergebnissen. Starten Sie mit einer grundlegenden Anfrage, analysieren Sie die Antwort und formulieren Sie dann eine verfeinerte Folgefrage: "Ihre Analyse zu Punkt 2 war hilfreich. Vertiefen Sie nun die Argumentation zu den Sozialauswahlkriterien und berücksichtigen Sie die BAG-Rechtsprechung zu den Anforderungen in § 1 Abs. 3 KSchG."

Mehrstufiges Prompting für komplexe Aufgaben
Bei komplexen juristischen Aufgaben, die in strukturierte, aufeinanderfolgende Schritte unterteilt werden sollten, erzielen Sie mit mehrstufigen Prompts bessere und transparentere Ergebnisse. Es gibt verschiedene Methoden, die Sie je nach Bedarf wählen können.
Mehrstufiges Prompting: Die Kette einzelner Aufgaben
Brechen Sie eine komplexe Analyse in logisch aufeinanderfolgende Einzelschritte herunter und weisen Sie die KI Schritt für Schritt an. Hier ist ein praktisches Beispiel für die Vertragsanalyse:
Schritt 1: "Lesen Sie die folgende Liste von Prüfungspunkten durch und extrahieren Sie für jeden Punkt alle relevanten Klauseln aus dem beigefügten Vertragsdokument."
Schritt 2: "Gehen Sie die Prüfungspunkte nacheinander durch und prüfen Sie, ob die extrahierte Klausel den rechtlichen Anforderungen des Prüfungspunkts entspricht."
Schritt 3: "Erstellen Sie eine Tabelle, die die Prüfungsergebnisse darstellt. Die Tabelle sollte die folgenden Spalten enthalten: Prüfungspunkt | Klausel | Bewertung"
Der Vorteil: Das Ergebnis jedes Schritts kann von Ihnen individuell überprüft und korrigiert werden, bevor der nächste Schritt auf diesem Ergebnis aufbaut.
Chain-of-Thought: Der begründete Denkprozess
Wenn Sie volle Transparenz über das Ergebnis der KI benötigen, können Sie diese anweisen, ihren gesamten Weg der Lösungsfindung offenzulegen. Ein Beispiel für einen solchen Prompt wäre:
Prüfen Sie den Inhalt der beigefügten Allgemeinen Geschäftsbedingungen systematisch nach folgendem Schema:
Klauselverbote ohne Wertungsmöglichkeit (§ 309 BGB)Klauselverbote mit Wertungsmöglichkeit (§ 308 BGB)Transparenzgebot (§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB)Generalklausel (§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB)
Fügen Sie für jeden Prüfungspunkt eine detaillierte Erklärung unter Bezugnahme auf die genannten Normen hinzu.
Reverse Prompting: Vom Ziel zum Weg
Sie wissen genau, wie das Endergebnis aussehen soll, aber Ihnen fehlt der passende Prompt? Beim Reverse Prompting drehen Sie die klassische Logik des Promptings um: Anstatt der KI eine Anweisung zu geben und ein Ergebnis zu erhalten (Prompt → Output), funktioniert es umgekehrt (Output → Prompt). Sie geben ein gewünschtes Ergebnis vor, beispielsweise einen Text oder eine Klausel, und lassen die KI den Prompt generieren, der am ehesten zu genau diesem Ergebnis führen würde. Dies ist besonders nützlich, wenn Sie Ihre eigenen Prompts optimieren und für ähnliche Aufgaben wiederverwenden möchten.
Ein Beispiel könnte so aussehen:
Dies ist eine rechtliche Klausel für eine Einwilligung nach DSGVO: [Beispieltext]. Formulieren Sie den Prompt, den ich eingeben müsste, damit Sie genau dieses Ergebnis erzielen.
Ihr Weg zur Prompting-Expertise
Die Rechtsbranche digitalisiert sich rasant, und der Einsatz von KI wird zu einem festen Bestandteil der juristischen Arbeit in Unternehmen, Kanzleien und Behörden. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich Legal Prompting zu einer unverzichtbaren Kernkompetenz für moderne Juristinnen und Juristen – eine Fähigkeit, die nicht nur Effizienzgewinne ermöglicht, sondern auch die Qualität der Arbeit nachhaltig verbessert.
Der entscheidende Erfolgsfaktor liegt in der Kombination von juristischer Expertise und KI-Power: Wer lernt, sein Fachwissen durch geschicktes Prompting optimal in die Zusammenarbeit mit spezialisierter juristischer KI einzubringen, kann das Potenzial dieser Technologie und seiner Arbeit voll ausschöpfen.

Nils Feuerhelm